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Curriculare Verankerung PflAPrV Bereich II & V
⏱️ 1 UE (45 Min) 🎓 Pro-Akademie
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1. Relevanz & Hintergrund im Stationsalltag

Auszubildende, die unmotiviert wirken, Dienstzeiten nicht einhalten, bei Kritik in Tränen ausbrechen oder patzig reagieren: Solche Situationen gehören zu den emotional belastendsten Momenten im Alltag einer Praxisanleitung.

In den seltensten Fällen steckt böser Wille oder Faulheit dahinter. Meist sind es tiefe Überforderungsgefühle, private Belastungen, Scham über Wissenslücken oder Konflikte im Stationsteam. Praxisanleitende benötigen deeskalierende Gesprächstechniken, um Ursachen von Symptomen zu trennen, klare Grenzen zu setzen und zugleich als verlässlicher Anker zu fungieren.

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2. Wissenschaftliche Grundlagen & Modell-Theorie

Theorie-Fundament Deeskalation & Ich-Zustände

Konflikteskalationsmodell (Friedrich Glasl) & Transaktionsanalyse (Eric Berne)

📚 Ursprung & Begründer: Friedrich Glasl (Konfliktmanagement 1980); Eric Berne (Transaktionsanalyse 1964).

Praxisanleitung bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Leistungsdruck, Notenvergabe und Hierarchien. Konflikte entstehen selten aus Bosheit, sondern aus Überlastung, Versagensängsten oder unklaren Rollenerwartungen.

Das 9-Stufen-Modell von Glasl zeigt, auf welcher Stufe sich ein Konflikt befindet und welche Deeskalationsstrategie noch greift. Die Transaktionsanalyse deckt auf, wenn Anleitende unbewusst ins belehrende 'Eltern-Ich' verfallen und Schüler ins trotzige 'Kind-Ich' drängen.

📊 Die 3 Eskalations-Hauptebenen nach Glasl

Ebene 1: Stufe 1–3 (Win-Win – Selbsthilfe möglich) Frühphase

Verhärtung von Standpunkten, Debatten, Reibereien. Beide Parteien haben noch Interesse an einer gemeinsamen, konstruktiven Lösung.

🎯 Aktive Signalverben / Operatoren: ansprechen, klären, zuhören, verhandeln
🏥 Bedside-Praxisbeispiel: Schülerin wirkt nach Kritik maulig und zieht sich zurück; Anleiterin initiiert zeitnah ein klärendes 1:1-Gespräch.
Ebene 2: Stufe 4–6 (Win-Lose – Dritte zur Moderation nötig) Verschärfung

Koalitionsbildung auf Station ('Die Schülerin kann gar nichts'), Gesichtsverlust, Drohungen. Es geht ums Gewinnen auf Kosten des anderen.

🎯 Aktive Signalverben / Operatoren: moderieren, vermitteln, versachlichen, deeskalieren
🏥 Bedside-Praxisbeispiel: Praxisanleiterin und Schülerin sprechen nicht mehr direkt miteinander; die Pflegedienstleitung oder Schule muss moderieren.
Ebene 3: Stufe 7–9 (Lose-Lose – Machteingriff zwingend) Destruktion

Gegenseitige Zerstörungsabsicht, Gefährdung der Patientenversorgung, Abbruch der Ausbildung droht.

🎯 Aktive Signalverben / Operatoren: eingreifen, trennen, schützen, sanktionieren
🏥 Bedside-Praxisbeispiel: Sofortiger Wechsel der Einsatzstation zur Gewährleistung der Patientensicherheit und psychischen Unversehrtheit.
💡 Didaktischer Hebel für Praxisanleitende

Bleibe im Erwachsenen-Ich! Sobald du ins belehrende Eltern-Ich verfällst ('In deinem Ausbildungsjahr musst du das aber wissen!'), treibst du den Schüler automatisch ins Rebellische oder Angepasste Kind-Ich. Reagiere mit sachlichen, offenen Fragen auf Augenhöhe.

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3. Praxisfall: Lebensnahes Stationsszenario

Fallbeispiel: Plötzlicher Leistungsabfall und Rückzug im 2. Ausbildungsjahr

Ausgangslage: Auszubildender Kevin (20 J.) galt bisher als engagiert. Seit zwei Wochen kommt er wiederholt 10 Minuten zu spät, wirkt im Übergabegespräch apathisch und reagiert auf Nachfragen gereizt: „Ist doch egal, ich mach das schon.“

Pädagogische Herausforderung: Das Stationsteam fordert bereits Konsequenzen („Der hat keine Lust mehr, zieh dem mal die Ohren lang“). Praxisanleiter Sven spürt, dass Kevin in einer Krise steckt.

Didaktische Lösung: Sven führt ein strukturiertes Klärungsgespräch außerhalb der Station. Er trennt sachlich Verhalten von Person, wendet aktives Zuhören an und deckt auf, dass Kevin durch Prüfungsangst und familiäre Sorgen schlaflos ist. Gemeinsam vereinbaren sie Unterstützung.
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4. Der strukturierte 3-Phasen-Ablauf

Schritt-für-Schritt Anleitung mit klarer Rollenverteilung zwischen Praxisanleitung und Lernendem:

Phase 1: Vorbereitung & neutrale Haltung (Vor dem Gespräch)

Haltung
👤 Fakten sammeln:

Notiere konkrete Vorfälle mit Datum und Uhrzeit (z. B. Verspätungen, Fehler), statt Gerüchte aus dem Team zu übernehmen.

👤 Eigene Wut regulieren:

Gehe niemals wütend in das Gespräch! Das Ziel ist Klärung, nicht Bestrafung.

👤 Zeitfenster schützen:

Plane mindestens 30 ungestörte Minuten ohne Telefonate ein.

Phase 2: Das 4-Schritte-Klärungsgespräch (20 Min.)

Klärung
👤 Schritt 1: Wohlwollende Irritation:

„Kevin, ich schätze deine Arbeit. Aber in den letzten zwei Wochen erlebe ich dich verändert. Ich mache mir Gedanken.“

👤 Schritt 2: Fakten spiegeln:

„Du bist dreimal zu spät gekommen und hast gestern bei der Visite gereizt reagiert. Was ist los?“

👤 Schritt 3: Aktives Zuhören:

Kevin öffnet sich. Sven unterbricht nicht, bagatellisiert nicht, sondern hört empathisch zu.

👤 Schritt 4: Grenzen & Hilfe verbinden:

„Ich verstehe deine Belastung. Aber Zuspätkommen geht auf Station nicht. Wie können wir dich bei der Prüfungsvorbereitung entlasten?“

Phase 3: Vereinbarung & Begleitung (10 Min.)

Absprache
👤 Verbindliche Vereinbarung:

Konkrete Maßnahmen beschließen (z. B. 2 gezielte Prüfungssimulationen, Kontakt zur Vertrauenslehrerin der Schule).

👤 Überprüfungstermin:

In 7 Tagen kurzes Check-in-Gespräch vereinbaren.

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5. Praxis-Matrix: Erfolgsfaktoren vs. Stolperfallen

✅ Erfolgsfaktoren (Do's)
• Verhalten und Persönlichkeit strikt trennen 💡 Warum? „Dein Zuspätkommen ist unzuverlässig“ (Verhalten) statt „Du bist unzuverlässig“ (Person).
• Hilfe anbieten, aber Konsequenzen klar benennen 💡 Warum? Empathie bedeutet nicht, Fehlverhalten kommentarlos durchgehen zu lassen.
• Pflegeschule oder Praxiskoordination frühzeitig einbinden 💡 Warum? Verhindert, dass Anleitende sich mit therapeutischen Aufgaben überheben.
• Schweigepflicht bei vertraulichen privaten Sorgen wahren 💡 Warum? Privates gehört nicht in den Pausenraum des Teams!
❌ Stolperfallen (Don'ts)
• Vor dem versammelten Team bloßstellen ⚠️ Gefahr: Treibt Auszubildende in Trotz, Angst und Krankschreibung.
• Drohungen wie „Wenn das so weitergeht, fliegen Sie!“ aussprechen ⚠️ Gefahr: Rechtlich wirkungslos und erzeugt nur Panik.
• Konflikte aussitzen bis zum Einsatzende ⚠️ Gefahr: Verschiebt das Problem nur auf die nächste Station.
• Sich vom Stationsteam zur Bestrafung anstacheln lassen ⚠️ Gefahr: Die Praxisanleitung ist Mentor und Fürsprecher, kein Scharfrichter.
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6. Formulierungskompass: Vorher vs. Nachher

Worte wirken auf die Lernhaltung. So wandelst du demotivierende Sätze in professionelle Lernimpulse um:

Besser nicht so:

„Du hast wohl keine Lust mehr auf Pflege? Wenn du keinen Bock hast, hättest du die Ausbildung gar nicht erst anfangen sollen!“

❌ Wirkung: Zerstörerisch, bösartig unterstellend und beendet jeden echten Dialog.
Professionell formulieren:

„Ich nehme wahr, dass dir aktuell vieles schwerfällt und du dich zurückziehst. Mir liegt viel daran, dass du deinen Einsatz hier erfolgreich abschließt. Was brauchst du von mir, damit wir die Situation gemeinsam wenden?“

✅ Pädagogischer Vorteil: Signalisiert Unterstützung und öffnet den Raum für die wahre Problemursache.
Besser nicht so:

„Reiß dich jetzt einfach zusammen, wir haben alle Stress!“

❌ Wirkung: Entwertet echte Belastungssymptome und führt in den Burnout.
Professionell formulieren:

„Ich sehe, wie hoch der Druck gerade für dich ist. Lass uns den Dienstplan für nächste Woche anschauen und eine gezielte Lerneinheit einbauen, damit du wieder Sicherheit gewinnst.“

✅ Pädagogischer Vorteil: Bietet handfeste Entlastung und konkrete Lösungen.